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Einer der großen Standortvorteile Triers ist die geografische Nähe zum Bierparadies Belgien. Von daher zögerte ich keine Sekunde, als die legendäre Brauerei Cantillon in Brüssel einen offenen Brautag ankündigte, ein Tagestrip nach Brüssel war schnell gebucht.

Anreise und Unterkunft

Reisen mit der Bahn ist in Belgien ausgesprochen günstig. Für den Kurztrip wählte ich das Escapade Ticket der luxemburgischen CFL, womit man für 50 Euro von Luxemburg aus einen beliebigen, vorher anzugebenden Bahnhof im Nachbarland ansteuern und von dort auch wieder zurückreisen kann. Reist man zu zweit oder dritt, reduziert sich der Preis pro Person noch einmal deutlich.

Die Brauerei Cantillon befindet sich im Süden Brüssels und ist vom Bahnhof Brüssel Süd (Midi) bequem zu Fuß zu erreichen. Aber mir war ja schon klar, dass die ein oder andere Flasche den Weg in mein Reisegepäck finden würde, daher wählte ich auch meine Unterkunft in direkter Brauereinähe. Das Floris Hotel Ustel Midi (zu buchen u.a. über booking.com*) hat zwar seine besten Tage schon hinter sich, ist für einen Kurztrip aber absolut in Ordnung und mit etwa 50 Euro für ein Einzelzimmer auch durchaus bezahlbar. Das Viertel rund um den Bahnhof mag auf den ein oder anderen vielleicht etwas abschreckend wirken und ist sicherlich kein Schmuckstück, ich fühlte mich in der multikulturell geprägten Umgebung aber zu keinem Zeitpunkt irgendwie unwohl.

Mythos Cantillon

Für Bierfreunde sind die Biere der Brüsseler Brauerei Cantillon so etwas wie der Heilige Gral der Braukunst, und entsprechend schwer zu bekommen. Ich habe noch gut die Wutrede eines Bierhändlers in Brügge in den Ohren, wonach Cantillon die Biere vor allem für ausländische Kunden und Händler vor allem in Übersee bereithalte, und die belgischen Händler am langen Arm verhungern lasse. Inwieweit das stimmt, kann ich nur schwer beurteilen, aber einfach zu bekommen sind vor allem die etwas besonderen Abfüllungen selbst in Belgien wahrlich nicht. Grund genug, einmal in der Brauerei selbst vorbeizuschauen, wo Mitte März Brauen zum Anfassen geboten wurde, was zahlreiche Interessierte aus der ganzen Welt anzog.

Ich ahnte schon, dass es voll werden würde, daher warf ich nur kurz meine Sachen ins Hotelzimmer und machte mich auf den Weg zur Brauerei, wo sich schon eine kleine Schlange gebildet hatte. Für 8 Euro bekam man eine ausführliche Brauereiführung und einen Probeschluck, außerdem wurden einige edle Tropfen zu wirklich annehmbaren Preisen ausgeschenkt. Schnell war klar, dass ich an diesem magischen Ort bestimmt ein paar Stündchen verbringen würde.

Die Führung gab einen intensiven Eindruck in das handwerkliche Brauen, wie es hier seit 1900 betrieben wird. Uralte Maschinen und Gerätschaften, ein von einer stets hungrigen Hefekolonie bewohntes Holzdach, hier konnte man Bier mit allen Sinnen genießen. Der frische Treber dampfte, es gluckerte in den Fässern und überall roch es wunderbar, es war einfach herrlich. Produziert wird bei Cantillon auf Lambic-Basis, es entstehen also spontan fermentierte Biere, bei denen keine Hefe zugegeben wird, sondern die Bakterien der Umgebung sich nach Lust und Laune auf die Bierwürze stoßen. So entstehen die typischen Sauerbiere, aus Lambic werden dann weitere Spezialitäten wie Gueuze, Kriek oder Framboise hergestellt. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt.

Zurück im Verkostungsbereich merkte man schnell, dass Cantillon auch eine wahre Gelddruckmaschine ist. Am Verkaufstresen bildeten sich lange Schlangen, um sich mit Bier und Merchandising einzudecken. Ich glaube niemand ging hinaus, ohne mindestens ein Shirt oder Glas erworben zu haben. Mich selbst natürlich eingeschlossen. Erst einmal zog es mich aber zur Bar, wo es die Basisbiere im Glas, besondere Biere aber nur in der für den Alleinverkoster eher unpraktischen 0,75 Liter Flasche zu erwerben gab.

Aber der Zufall kam mir zur Hilfe, und meine kleine Flasche Lou Pepe Kriek (2013) lockte zwei Landsleute an. Alex und Max aus München und Freiburg befanden sich gerade auf einer ausgedehnten Belgien-Niederlande Biertour, und zu dritt testeten wir einige der fantastischen Biere, die schnell deutlich machten, warum es sich bei Cantillon um eine Brauerei von Weltruhm handelt.

  • Cantillon Lambic 1 Year: recht ungezähmt, sperrig, prägnant bitter und widerborstig. Sehr spannend!
  • Cantillon Kriek: sehr frisch, fruchtig, sauer, Frucht und Bitterkeit schön verbunden
  • Lou Pepe Kriek 2013: geil. Kirsche kommt richtig fett durch, rund, alles toll eingebunden
  • Cantillon Geuze 2007: unfassbar frisch, lebendig und rund
  • Zwanze 2012: Rhabarber, geil
  • Zwanze 2013: Blend aus Lambic und einem belgischen Tripel. Deutlich mehr Alkohol spürbar und etwas unzugänglich
  • Cantillon Classic Geuze: sehr frisch, tolle Hefen

Moeder Lambic

Moeder Lambic

Nach dem Brauereibesuch wollte ich noch etwas tiefer in die faszinierende Bierkultur Brüssels eintauchen, doch mir wurde schnell klar, dass dies an einem Samstagabend alles andere als eine gute Idee ist. Die Bars und Kneipen platzten aus allen Nähten, die Innenstadt war ein reines Tourigewimmel und vor den Restaurants standen die Koberer, die einem die beste Pizza oder Paella der Stadt andrehen wollten. Man fühlte sich fast wie auf der Reeperbahn. Somit deckte ich mich im Beer Planet (Rue De La Fourche 45) mit zwei Bieren von Alvinne ein und verzog mich ins Hotel.

Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben, und so begann ich den Sonntag mit einem Besuch im Moeder Lambic (Place Fontainas 8), der vielleicht besten Bar, die ich in meinem Leben bislang besucht habe. Schon die Biere der Standardkarte versammelten alles, was in Belgien Rang und Namen hat, alles vom Fass und selbst Cantillon durfte nicht fehlen. Da ich wie so oft das Hotelfrühstück verschlafen hatte, stärkte ich mich mit einer Saucisse a la Gueuze Cantillon, dazu wurde zu den Bieren statt Nüsschen leckeres Getreide zum Knabbern gereicht.

Highlights für mich waren das Cuvee de Ranke und das Péché Véniel der Brasserie Dieu du Ciel! aus Kanada. Letzteres war Teil einer nicht weniger beeindruckenden Liste an Gastbieren, hier hätte ich wirklich den ganzen Tag verbringen können. Und die charmante und darüber hinaus sehr kundige Bedienung sorgte für eine absolute Wohlfühlatmosphäre, auch wenn sie sich köstlich über meine Versuche amüsierte, französische Wortfragmente zu artikulieren. Für mich eine absolute Topadresse in Sachen Bier mit insgesamt humanen Preisen.

Etwas anders gestalteten sich die Preise im Poechenellekelder, einer urigen Bierbar direkt am Manneken Pis. Im Stil eines Marionettentheaters durchaus gemütlich, mir aber viel zu überfüllt. Die Bierauswahl ist riesig, die Preise aber dann doch der Lage angepasst. Nach einem Orval war für mich hier dann recht schnell Schluss.

Delirium Tremens

Ähnlich voll war es in den verschiedenen Bars, die zu Delirium Tremens gehören, und in einem kleinen Altstadtwinkel einigen Platz einnehmen. Viele eigene und fremde Biere gibt es vom Fass, bestellt wird wohl an der Theke. So richtig Lust mich niederzulassen hatte ich allerdings nicht, daher zog ich wieder ins Moeder Lambic, um mit einem Cantillon Framboise den Tag in Brüssel zu beenden und vollgepackt mit Bier wieder den Zug in die Heimat zu entern.

Brüssel – Eine Hassliebe

Eins vorweg, Brüssel ist sicher nicht meine Lieblingsstadt und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht mehr werden. Mir ist es einfach zu unruhig, einige wirklich schöne Ecken werden gleich wieder durch Bausünden und sonstige architektonische Grausamkeiten zunichtegemacht.

Der Grote Markt ist natürlich eine Augenweide und ein Touristenmagnet, die Galerie de la Reine verkörpert mondäne Klasse es gibt viele interessante Geschäfte zum Stöbern und Entdecken. Manneken Pis muss man nicht wirklich gesehen haben, da interessieren mich die zahlreichen Murals im Comicstil doch viel mehr.

Bestens vorbereitet besuchte ich auch noch die Mary Chocolaterie, ein seit 1919 bestehender Traditionsbetrieb. Dort hatten wir uns vor ein paar Monaten bereits in Brügge mit Pralinen eingedeckt. So konnte ich dem Mann am Tresen eine sorgfältig ausgearbeitete Liste mit unserer Auswahl überreichen. Er war sichtlich beeindruckt und ich konnte in der Zwischenzeit die ein oder andere Leckerei verkosten. So muss das sein, wirklich ein super Laden!

Bei allen Vorbehalten, bin ich mir sicher, dass ich nicht zum letzten Mal in Brüssel war. Allein Moeder Lambic ist ein guter Grund, hier wieder einmal hinzureisen. Und vielleicht packt mich die Stadt irgendwann doch noch einmal.

Der nächste offene Brautag bei Cantillon ist übrigens am 11. November 2017 (mehr Infos unter www.cantillon.be)

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