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Zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus

Warum weiß ich selbst nicht mehr, aber als Kind habe ich mein kleines Fußballherz nicht an Bayern oder diese komischen Pfälzer verloren, wie bei uns in der Gegend damals leider üblich, sondern an den notorisch erfolglosen Club aus Nürnberg. Ich schlug mich offenbar schon immer auf die Seite der Schwachen und Außenseiter. Auch wenn es nie die ganz heiß entflammte Liebe war, habe ich den FCN immer wieder mal spielen gesehen, aber noch nie in der fränkischen Heimat. Das war mir leider auch diesmal nicht vergönnt, aber immerhin konnte ich nun erstmals einen Fuß in die zweitgrößte Stadt Bayerns setzen. Und ich war gleich fasziniert von freundlichen Menschen, allgegenwärtiger Geschichte und einer enorm lebendigen Bierkultur.

Kongresshalle

Das Reichsparteitagsgelände

Nürnberg ist eine quicklebendige, weltoffene und multikulturelle Stadt. Inwieweit dies mit dem schwierigen historischen Erbe zu tun hat, mag ich nicht beurteilen, aber das Image der Stadt hat in der Vergangenheit schwer unter der folgenschweren Wahl Hitlers gelitten, ausgerechnet Nürnberg als Stadt für seine gigantischen Parteitage etablieren zu wollen. Diesem Größenwahn wollte ich mich gleich nach meiner Ankunft annähern und hastete in Richtung Reichsparteitagsgelände, da der Verein Geschichte für Alle meist an den Wochenenden Führungen über das weitläufige Gelände anbietet.

Kongresshalle

Und eine Führung ist wirklich zu empfehlen, da viele der geplanten Gebäude nie gebaut wurden und man somit oft auf seine Vorstellungskraft angewiesen ist. Es gibt zwar Hinweistafeln, aber um sich die Gigantomanie wirklich deutlich zu machen, sind ausführlichere Erklärungen sehr hilfreich. Noch vorhanden sind die Überreste der unvollendeten Kongresshalle, in der einmal bis zu 50.000 Menschen den Worten des kleinen Österreichers hätten lauschen sollen. Noch jetzt sind die Ausmaße gigantisch, dabei fehlt sogar noch ein Stockwerk und es ist schwer vorstellbar, dass ein Kuppeldach mit einer solchen Spannweite wirklich gehalten hätte. Das Gebäude erinnert tatsächlich an das Kolosseum in Rom, heute dient es als Lagerraum und auch die Nürnberger Symphoniker haben im größten erhaltenen Monumentalbau des Nationalsozialismus eine Heimat gefunden. Irgendwie komisch, wenn man inmitten der Anlage steht und irgendwo ein Trompeter beginnt zu proben.

Zeppelintribüne

Zwischen den Dutzendteichen führt die Große Straße in Richtung des ebenfalls nicht erhaltenen Märzfeldes. 40 Meter breit, sollte die Straße in gerader Achse zur Burg eine mehr als 2 Kilometer lange Aufmarschstraße bilden. Heute dient sie größtenteils als Parkplatz, rechter Hand war ursprünglich das verrückt große Deutsche Stadion geplant, das aber auch nie ernsthaft angegangen wurde. Weiter ging es nun in Richtung Zeppelinfeld, einem riesigen Areal, wo heute noch u.a. das Rock im Park Festival stattfindet und das man noch aus den Propagandafilmen von Leni Riefenstahl kennt. Teilweise erhalten ist die Haupttribüne der Anlage mit der Rednerkanzel Hitlers, heute ein beliebter Selfiespot…

Zeppelintribüne – Goldener Saal

Im Rahmen der Führung kann man auch das Innenleben der ziemlich maroden Anlage besichtigen. Highlight ist sicher der sog. Goldene Saal, der aber doch etwas weniger hält, als er verspricht. Hier endete nun auch die Führung, die ich jedem Geschichtsinteressierten wirklich empfehlen kann! Ausgelassen habe ich aus Zeitgründen das 2001 eröffnete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, das sollte ich beim nächsten Mal nachholen.

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