By

Das neunte Hexentanzfestival ist Geschichte und es hat riesigen Spaß gemacht! Zum Abschluss stand die Mittelalterfraktion etwas stärker im Vordergrund, aber auch Freunde der elektronischen Klänge kamen auf ihre Kosten. Mit Diorama und Saltatio Mortis standen alte Bekannte auf der Bühne und besonders gefreut habe ich mich auf die Schotten von Saor Patrol.

HT_2tag 27

Den Weg zum Losheimer See fuhr mein Auto mittlerweile fast allein, es ist schon ein ziemlicher Luxus, so ein schönes Festival gerade einmal 30 Kilometer vor der eigenen Haustür zu haben. Zu den Campingmöglichkeiten kann ich demnach auch nichts sagen, aber aus meiner Sicht bietet das Gelände in Losheim allein schon durch die Hanglage einige Vorteile gegenüber dem zweifellos ebenfalls herrlichen Bostalsee. Nicht so schön ist allerdings der Mittelaltermarkt, der am Bostalsee deutlich größer und gemütlicher war. Aber dafür kann die Location in Losheim sicherlich nicht viel, warum hier nur noch eine Handvoll Händler übrig geblieben ist, kann wohl nur der Veranstalter beantworten.

HT_2tag 3Los ging der finale Festivaltag mit Rroyce, die über einen Wettbewerb beim X-Mas Hexentanz auf die große Festivalbühne gekommen waren und stylishen Old-School Synthiepop zum Besten gaben. Das haben die Dortmunder wirklich gut gemacht und die wenigen Zuschauer zur frühen Stunde waren recht angetan. Das gilt ebenso für Schöngeist, die mit klassischem deutschsprachigem Gothicrock punkteten. Die Münchener habe ich schon einmal als Support von Mono Inc. gesehen, aber wirklich in Erinnerung geblieben sind sie mir nicht. Das dürfte diesmal nicht anders sein.

HT_2tag 10Danach gaben Ragnaröek ihre Visitenkarte ab und gegenüber ihrem ersten Auftritt beim Hexentanz 2010 war ein deutlicher Sprung nach vorne zu erkennen. Die durch Dudelsack und harte Metalriffs geprägten Songs wirkten noch kompromissloser und so tummelte sich schnell eine stattliche Menge feierfreudiges Volk vor der Bühne. Angeleitet vom charismatischen Sänger Charon der Fährmann war die Stimmung ausgezeichnet und die Veranstalter dürften sich den Namen noch einmal fett ins Notizbuch geschrieben haben.

HT_2tag 13Fliegender Wechsel dann vor der Bühne. Die Mittelalterfraktion hatte sich ausgetobt und wurde rasch durch die Freunde der elektronischen Musik ersetzt. Diorama waren angekündigt, die ich bereits vor vielen Jahren einmal in irgendeinem saarländischen Schuppen gesehen hatte. Die Band von Torben Wendt, den viele als Gelegenheits-Keyboarder bei Diary of Dreams kennen, verfolge ich schon lange und Alben wie Pale oder A Different Life finden immer wieder den Weg in meine Playlist. Auch live gefällt mir die leidenschaftliche Performance des großgewachsenen Sängers sehr, der gegenüber vielen anderen Sängern der Szene einen deutlichen Wettbewerbsvorteil hat: Er kann nämlich richtig gut singen. Seine angenehme und variantenreiche Stimme passt wunderbar zu den oft harten Songs und gegenüber der von Diary of Dreams bekannten Kälte kommt so eine Art von Wärme in die komplexen Kompositionen. Mit Synthesize Me und Hope waren zwei große Szenehits in der Setlist und der Auftritt hat mich wirklich voll und ganz überzeugt.

HT_2tag 16Auf den Auftritt von Saor Patrol aus Schottland habe ich mich sehr gefreut, denn diese habe ich bislang nur auf Youtube gesehen. Drei Trommler, Gitarre und Dudelsack reichten aus, um einen ordentlichen Krach zu erzeugen und nach und nach lockte man so eine erkleckliche Anzahl Menschen vor die Bühne. Auf Gesang wurde verzichtet und dennoch zeigte sich, dass traditionelle Dudelsackmusik alles andere als eintönig ist. Das ein oder andere erklärte Charlie Allan zwischen den Liedern, wobei viele Zuschauer mit dem schottisch gefärbten Englisch so ihre Probleme gehabt haben dürften. Alle Musiker sind im Clanranald Trust for Scotland aktiv und setzen sich so aktiv für die schottische Kultur ein. Mit dem Auftritt am Samstag dürften Saor Patrol wieder einige Menschen mehr für Schottland begeistert haben!

HT_2tag 21Danach fiel meine Stimmung aber erst einmal in ein ziemliches Loch, denn Blutengel standen auf der Bühne. Klischee-Gothic, mit dem man die Gruftiedisco in Kleinposemuckel sicher zur Extase bringen kann, aber mir hat diese Musik wirklich nie mehr als ein Kopfschütteln entlockt. Als Headliner angekündigt, war es sicher keine schlechte Idee des Veranstalters, die Berliner vor Saltatio Mortis spielen zu lassen, die dann doch eine etwas größere Fanbase unter den Festivalbesuchern zu verzeichnen hatten.

HT_2tag 24Saltatio Mortis gehören sicher zu den wenigen Bands der Szene, die sich in den vergangenen Jahren einen Status erarbeitet haben, der ihnen durchaus die Rolle des Headliners ermöglicht. Die Diskussion der letzten Jahre, dass immer dieselbe Handvoll Bands als Zugpferde der großen Festivals dienen muss, ist immer noch akut. Schaut man sich das Beispiel Mittelalterrock an, so bleiben außer Subway to Sally, In Extremo und Schandmaul nur wenige Optionen. Saltatio Mortis gehören mittlerweile auf jeden Fall dazu, aber in ihrem Blog haben sie sich selbst mit den Gründen für das vermeintliche Fehlen von geeignetem Nachwuchs auseinandergesetzt. Überhaupt schätze ich an der Band sehr, dass sie auf der einen Seite zwar eine absolute Partyband sind, auf der anderen Seite aber immer wieder über den Tellerrand blicken und sich auf verschiedenen Wegen kritisch mit gesellschaftlichen oder auch szeneinternen Fragen und Problemen auseinandersetzen. Musikalisch sind sie mittlerweile sowieso über jeden Zweifel erhaben. Das Publikum erwies sich als textsicher und nahm bereitwillig die unablässigen Animationsversuche von Sänger Alea an. Die Stimmung war ausgezeichnet und kaum einer hatte nach drei anstrengenden Festivaltagen das Gelände im Vorfeld verlassen. Wenn das mal kein würdiger Headliner war!

Aber es war ja noch gar nicht Schluss, denn zum Abschluss hatte man Stahlzeit verpflichtet, eine der mittlerweile zahlreichen Rammstein Covercombos. Ich persönlich weiß ja nicht, warum man sich so etwas ansehen sollte, ich brauche keine Schauspieler, die Rammsteinshows nachspielen. Es wurde den ganzen Tag über fleißig Pyrotechnik installiert, aller mögliche Plunder aus dem Truck gewuchtet, um wenigstens halbwegs an die Dimensionen einer Rammsteinshow heranzukommen. Aber wo ist die Seele, wo die Kreativität, wo die Kunst? Ich ziehe den Hut vor allen Bands, die vielleicht schon vor 13 Uhr und nur einer Handvoll Zuschauern auf der Bühne standen und ihre Songs spielten, aber wenn ich mir eine Band ansehe, will ich Originalität. Und Rammstein sind ja auch noch aktiv, da sehe ich mir wirklich lieber das Original, den Mythos Rammstein an.

Fazit

Das Hexentanzfestival hat aus den Fehlern des Vorjahres gelernt und einiges an der neuen Location in Losheim verbessert. Musikalisch gehörte die neunte Auflage zu den stärksten der letzten Jahre, das Programm war abwechslungsreich und hatte an allen Tagen echte Highlights zu bieten. Der etwas stiefmütterlich behandelte Mittelaltermarkt ist ein Manko, aber vielleicht fällt den Organisatoren da ja auch noch etwas ein. Im nächsten Jahr ist also Jubiläum, zum zehnten Hexentanz spielt dann unter anderem Mono Inc. auf (30. April bis 2. Mai). Wenn nichts dazwischenkommt, bin ich auf jeden Fall auch wieder am Start, das wäre dann für mich das siebte Hexentanz Festival.

Hier geht es zu Tag 1 und Tag 2.

About the Author

 

Leave a Reply