Ein Manndecker auf der Ersatzbank des Lebens

 •  0

By

Aus dem Rampenlicht ins Abseits – Die Fußballgeschichte ist voll von Stars, die den Absprung aus der glamourösen Welt des Profifußballs in den Alltag nach der Karriere nicht geschafft haben. Viele sind in Vergessenheit geraten. Nicht so Jimmy Hartwig, den es nach seiner erfolgreichen Karriere trotz zahlreicher Schicksalsschläge nicht umgeworfen hat und der nun eine neue Berufung auf der Theaterbühne gefunden hat. In Spiel ohne Ball von Albert Ostermaier, das in der vergangenen Woche im Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg seine Uraufführung feierte, spielt Hartwig einen Ex-Kicker, der nach einem Banküberfall eine Geisel nimmt und dieser von seinem gescheiterten Leben und einem schicksalhaften Spiel um das Pokalfinale erzählt.

spiel_ohne_ball2

Die Bankenmetropole Luxemburg als Schauplatz eines dramatischen Banküberfalls mit anschließender Geiselnahme – das Setting im hauptstädtischen Grand Théâtre im Schatten der imposanten Hochhäuser des Kirchbergs könnte passender kaum sein. Seine Geisel zerrt Uwe, immer noch ganz Fußballer, auf den grünen Rasen, in Sichtweite der Ersatzbank, die er für sein Schicksal mitverantwortlich macht. Noch einmal sieht er seine Nummer aufscheinen, das Verlassen des Platzes besiegelte einst sein Schicksal. Nur wenige Minuten trennten ihn vor dem größten Erfolg seiner Laufbahn, doch sein Trainer nahm ihm vom Platz. Das Spiel und sein weiteres Leben gingen verloren. Es war die eine Chance, das eine große Spiel, das Uwe aus der Bahn warf und nicht mehr losließ. Der Fußballer Jimmy Hartwig hatte viele solcher Spiele, feierte große Erfolge vor allem beim Hamburger SV und absolvierte sogar einige Spiele im Dress der Nationalmannschaft. Doch die schwersten Spiele warteten auf Hartwig nach der Karriere. Dem aktiven Fußball kehrte er bald den Rücken zu, versuchte sein Glück im Fernsehen und begann Theater zu spielen. Schauspielern konnte Hartwig seit jeher gut. Er war der lustige Jimmy, immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen, immer gut gelaunt. Die schweren Schicksalsschläge, die folgten, passten nicht ins Bild. Drei schwere Krebserkrankungen erlitt der Sohn eines amerikanischen Soldaten, die er mit Optimismus und Kampfgeist schließlich besiegte. In die heile Fußballwelt passen solche Lebensgeschichten nur schwerlich hinein. Auch Uwe erinnert sich auf der Bühne neben anderen tief gefallenen Stars an Hartwig, der seine schwersten Kämpfe außerhalb des Scheinwerferlichts austragen musste.

Der Weg von der Auswechslung bis zur Geiselnahme lässt Autor Ostermeier im Dunkeln, doch man kann sich die Hoffnungslosigkeit und Erniedrigung des Fußballers gut vorstellen, die ihn letztendlich zur Tat getrieben haben. Diese versucht Uwe gegenüber seiner Geisel zu rechtfertigen, schließlich sind die Banker keinen Deut besser als er, der Räuber, nur eben feiger. Eigentlich trifft es ganz die Richtigen. Im Gegensatz dazu steht die Verzweiflung seiner Geisel, die von Sylvia Camarda eindrucksvoll verkörpert wird. Viel Text gab es für die Tänzerin und Choreographin nicht zu lernen. Nahezu das gesamte Stück ist sie geknebelt und wird so zum unfreiwillig passiven Zuhörer der Lebens- und Leidensgeschichte ihres Peinigers, der die zierliche Darstellerin über die Bühne schleift, in den Schwitzkasten nimmt und begrapscht. Das Stück ist als dramatischer Monolog konzipiert, möglicherweise hätte der ein oder andere Dialog mit der Geisel die Intensität noch erhöht und dem Hauptdarsteller noch eine kleine Pause in seinem atemlosen Text verschafft. Jimmy Hartwig verkörpert Uwe als verzweifelten Verlierer, der völlig die Kontrolle über sein handeln verloren hat und in einer Fußball-Parallelwelt zu leben scheint. Er spielt eindringlich, hätte meines Erachtens sogar noch eine Spur wahnsinniger sein dürfen. Aber vielleicht hatte ich dann doch noch zu sehr den ’netten Jimmy‘ im Hinterkopf. Auch stimmlich gibt es durchaus noch Luft nach oben, etwas mehr Kraft im Ausdruck hätte man sich an mancher Stelle schon gewünscht. Doch diese vermeintliche Schwäche und das Schicksal des realen Jimmy sorgen für ein eindringliches Maß an Authentizität. Regisseur Victor Joe Zametzer nutzt den Raum, den die Studiobühne ihm bietet und verlagert die Geiselnahme auf das Fußballfeld, das Licht verstärkt die Illusion eines Flutlichtspiels.

Die Zuschauer im gut gefüllten Theater belohnten die Leistung der beiden Schauspieler nach gut einer Stunde mit lang anhaltendem Applaus. Geboten wurde ein unterhaltsamer und an einigen Stellen ergreifender Theaterabend mit zwei leidenschaftlichen Schauspielern und einer interessanten künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Fußballsport. Gerne mehr davon!

About the Author

 

Leave a Reply