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Der Ruf der Berliner Weisse war lange Zeit ruiniert, als Biermischgetränk wurde brutal Himbeer- oder Waldmeistersirup beigemischt und ein traditioneller Bierstil geriet weitestgehend in Vergessenheit. Erst in den vergangenen Jahren erlebte dieser im Zuge der Craftbier-Bewegung ein beachtliches Comeback, und das weit über die Grenzen der Bundeshauptstadt hinaus. In vielen Ländern ist man in Sachen Biervielfalt der Entwicklung in Deutschland um viele Jahre voraus, daher gibt es mittlerweile im Ausland sehr viel mehr Varianten der Berliner Weisse als in der Heimat, mal traditionell, mal voller Kreativität. Drei Beispiele habe ich mir einmal herausgepickt.

Berliner Weisse Tasting

Zur Geschichte eines traditionellen deutschen Bierstils

Sauerbiere erfreuten sich vor allem im Norden Deutschlands bis ins 20. Jahrhundert hinein großer Beliebtheit, was neben dem Geschmack vor allem an der guten Haltbarkeit gelegen haben dürfte. Das änderte sich schlagartig im späten 19. Jahrhundert, als vielerorts das Pils seinen Siegeszug durch Gaststätten und Brauereien antrat, und Berliner Weisse oder auch die Gose fast in Vergessenheit gerieten. Lediglich als süßes mit Sirup versetztes Mischgetränk blieb die Weisse im Bewusstsein der Menschen, was auch die Herstellung beeinflusste. Denn wenn man am Ende die prägnante Säure sowieso im Fruchtsaft neutralisierte, konnte man sich die aufwendige Produktion ja auch gleich sparen.

Eine original Berliner Weisse gehört zu den obergärigen Bieren, wird mit Gersten- und Weizenmalz eingebraut und mit Milchsäurebakterien angereichert. In der Flasche werden üblicherweise Brettanomyces-Bakterien beigefügt, die für eine zusätzliche Flaschengärung sorgen, was für einen sehr eigenen Geschmack sorgt, den Feinschmecker lieben, manch einer aber mit Ziegenstall oder nassem Hund assoziiert. Ich stehe drauf!

Canediguerra (Italien) – Berliner Weisse

Schon optisch erkennt man schnell, dass wir es hier mit einer sehr ursprünglichen Variante der Weisse zu tun haben. Ein Bier mit hellgelber Farbe und trotz recht hoher Karbo fließt wenig Schaum ins Glas. Gebraut wurde es von Canediguerra, einer kleinen Brauerei aus dem norditalienischen Alessandria, zwischen Mailand und Genua gelegen. Die Weisse wirkt frisch wie sie sein sollte, mit leicht getreidigen Noten und einer moderaten Säure. Mir persönlich fehlt ein wenig die aggressive Spritzigkeit und ein markanter Charakter, doch mit 3,2–3,5 % Alkohol (die Angaben widersprechen sich etwas), ist das ein schöner Begleiter für den Sommer. Schmeckt aber auch im garstigen Herbst.
www.canediguerra.com

Sori Brewing (Estland) – Raspberry Punch Berliner Weisse

Zwei Finnen erfüllen sich ihren Traum einer Brauerei in Tallinn, der Hauptstadt Estlands. Mit Hilfe einer Crowdfunding Kampagne schafften es die beiden Quereinsteiger Pyry Hurula und Heikki Uotila sich das nötige Startkapital für eine Brauerei zu erwirtschaften, in der sie ohne Zwänge kreative Biere brauen können, und der Erfolg war von Beginn an durchschlagend. Seitdem wächst und gedeiht Sori Brewing kontinuierlich und produziert Biere mit einem Augenzwinkern, getreu dem Motto „Serious beer for not so serious people“. Wenn das mal nichts für mich ist!

Im Gegensatz zu den fiesen Sirupbomben ist es vor allem bei internationalen Brauern mittlerweile durchaus üblich, die Säure und Frische der Berliner Weisse durch die Zugabe von Früchten gezielt zu unterstreichen. Und so haben auch die beiden Finnen ihrer Basisweisse eine großzügige Portion Himbeeren spendiert (es gibt auch noch Varianten mit Guava und Drachenfrucht oder Maracuja). Der Raspberry Punch ist im Vergleich zur ausgewogenen Canediguerra Weisse tatsächlich erst einmal ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, die Säure ist durchaus heftig, aber das mag ich als alter Cascade-Jünger ja sehr. Hinten raus wird das ganze durch die Milchsäure und eher brotigen Aromen etwas neutralisiert. Aber die Früchte bleiben die gesamte Zeit über präsent und so wirkt das Bier frisch, fruchtig und ist einfach ziemlich lecker!
soribrewing.com

Ibex /Frankreich) – Berliner Weiss

Mitten in den französischen Alpen im berühmten Skiort Morzine befindet sich die Mikrobrauerei Ibex, in der seit 2014 durchaus interessantes Bier gebraut wird. Werden die regulären Biere (vor allem Ales und IPAs) auf einer 2000 Liter Anlage gebraut, so gibt es aber noch eine kleine 200 Liter Anlage für die Spezialitäten. Dazu gehört auch eine Weisse, die mit Blutorangen und Himbeeren eingebraut wurde.

Beim Öffnen der Flasche sprudelt erst einmal der Schaum aus der Flasche, der im Glas dann aber nicht lange Bestand hat. Blutorange und Himbeere zeigen sich erst einmal nur durch einen minimalen Rotstich im ansonsten hellgelben Bier, doch in der Nase riecht man die Fruchtaromen durchaus heraus. Geschmacklich fehlt mir persönlich der Punch der Sori-Weisse. Säure ist zwar da, aber längst nicht so aggressiv wie bei den baltischen Finnen. Auch die Früchte bleiben etwas verschämt im Hintergrund. Hinten heraus dann wieder die zu erwartenden getreidigen Noten, auch das Mundgefühl ist sehr angenehm und dank der hohen Karbo sehr frisch. Kann ich mir an einem sonnigen Tag auf dem Berg wirklich gut vorstellen!
www.ibexbeer.com

So ein bisschen bin ich ja immer noch Historiker, daher kann ich mich für alte, traditionelle Bierstile wirklich sehr begeistern. Als großer Liebhaber von Geuze, Lambic oder Wild Ales liegen mir auch die deutschen Brüder im Geiste wie die Gose oder die Berliner Weiße sehr am Herzen, und es ist schön zu sehen, dass diese Stile nicht der Vergessenheit anheimgefallen sind, sondern unter Bierfreunden weltweit eine Renaissance erleben. 

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