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Als Startpunkt unserer Tour durch Nordirland wählten wir Belfast, eine Stadt, die von vielen Reisebloggern weltweit derzeit als eine der interessantesten Städte überhaupt gefeiert wird. Und tatsächlich präsentiert sich die Hauptstadt Nordirlands jung, aufstrebend und ist bemüht, das vor allem durch die erst in den vergangenen Jahren halbwegs beigelegten politischen Unruhen geprägte negative Image loszuwerden.

Titanic Belfast

Titanic Belfast

Ein erster Eindruck

Vom Flughafen Dublin aus ging es über die Autobahn in etwas mehr als zwei Stunden nach Belfast, wo wir im ETAP Hotel wohnten, das im Süden der Stadt gelegen ist und von wo aus man das Stadtzentrum bequem zu Fuß erreichen kann (zu buchen u.a. über booking.com). Direkt südlich daran schließt das extrem hippe und lebendige Univiertel mit vielen Pubs und Clubs an. Parken kann man im Parkhaus gegenüber, Hotelgäste bekommen Sonderkonditionen. Einfach an der Rezeption nachfragen.

Belfast - The Salmon of Wisdom

Belfast – The Salmon of Wisdom

Da wir lediglich anderthalb Tage Zeit zur Erkundung hatten, fiel die Auswahl der zu besuchenden Sehenswürdigkeiten schwer. So beschlossen wir am ersten Nachmittag direkt nach unserer Ankunft erst einmal die Stadt zu Fuß zu erlaufen. So konnten wir einen ersten Blick auf die prachtvolle City Hall werfen, sahen die aus alt und neu, modern und verfallen extrem gemischte Innenstadt und besuchten den Salmon of Wisdom. Dabei handelt es sich um ein Kunstwerk in Form eines Fisches, das auf blauen Kacheln Szenen aus der Geschichte Belfasts zeigt. Und wenn man ihn küsst, soll angeblich seine Weisheit auf einen übergehen…

Unweit des Fisches befindet sich mit dem Albert Memorial Clock Tower die nordirische Version des schiefen Turms von Pisa. Quasi direkt gegenüber nahm allerdings erst einmal McHugh’s Bar & Restaurant meine Aufmerksamkeit in Beschlag. Es ist kein Pub wie jeder andere, denn er befindet sich im ältesten erhaltenen Gebäude Belfasts, das zwischen 1710 und 1720 errichtet wurde.

Belfast - McHugh’s Bar & Restaurant

Belfast – McHugh’s Bar & Restaurant

Hunger und Durst

Da wir nach einem langen Tag sowieso Hunger und Durst verspürten, wollten wir uns dieses Gebäude einmal aus der Nähe anschauen, und das Innenleben ist noch beeindruckender als das Äußere. Unten ein klassischer Pub, ist vor allem der Restaurantteil im Obergeschoss einen Besuch wert. Umwerfende Kassettendecken, Wandgemälde und historische Balken gibt es zu bewundern, während man bei Bier oder Cider auf sein Essen wartet. Spezialität ist das auf einem heißen Stein servierte Steak, wir entschieden uns allerdings für den klassischen und sehr leckeren Burger sowie einen vorzüglichen Lemon-Cheesecake zum Abschluss. Das war durchaus empfehlenswert und auch der Service ist super!

Ein echtes Kleinod ist der Crown Bar Liquor Saloon, ein mittlerweile vom National Trust betriebener historischer Pub aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Einrichtung ist schlicht einzigartig. Das hölzerne Interieur im viktorianischen Stil ist detailverliebt mit floralen und mythischen Elementen dekoriert, die riesige Bar ist aus Granit. Der auf seine Privatsphäre bedachte Gast findet Platz in zehn hölzernen Kämmerchen, in denen man sogar die Türe schließen kann. Sensationell. Wir waren weniger schüchtern und erlaubten zwei Paaren aus England und Irland, in unserer Kammer Platz zu nehmen. So entwickelte sich ein wunderbarer Abend mit interessanten Gesprächen (so fragte der Ire, was denn bei den Engländern im Kopf eigentlich falsch läuft, dass sie im Elfmeterschießen immer versagen?) und wir bekamen viele Insidertipps. Die Bierauswahl war umfangreich, aber letztendlich etwas langweilig, so recht begeisterte mich das alles nicht.

Auch nicht  so überzeugend war der zweite Abend, an dem wir das Restaurant im Obergeschoss besuchten. Irish Stew und Guinness Pie waren zwar sehr gut, der Service war allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Zwar war das Essen innerhalb von wenigen Minuten am Tisch, für die Getränke musste man dagegen etwas Geduld mitbringen. Dennoch trotz der vielen Touristen eine Empfehlung. Es sind viele Einheimische an der Bar, und das Ambiente ist der Hammer.

Belfast City Hall

Belfast City Hall

Die Belfast City Hall Tour

Die prachtvolle City Hall hatten wir am Vortag von außen gesehen, nun wollten wir das Innere erkunden. Praktischerweise gibt es mehrmals am Tag Führungen, die kostenlosen Tickets gibt es am Schalter direkt am Eingang. Als Belfast im Jahr 1888 von Königin Victoria zur City ernannt wurde, reiften Pläne für ein standesgemäßes Rathaus. Der Bau begann zehn Jahre später und wurde 1906 vollendet. Die Führung kann ich absolut empfehlen, denn sie zeigt einem nicht nur das verschwenderische Innenleben, sondern gibt auch Einblick in Stadtgeschichte und -verwaltung. Die vor Kurzem eingeweihte Dauerausstellung kann ebenfalls kostenfrei besucht werden.

Die Führung dauert etwa 45 Minuten, und ich scheuchte die Bergische Maid danach etwas durch die Ausstellung, denn ich hatte Hunger und Kaffeedurst. Beides stillten wir in der gegenüberliegenden Patisserie Valerie mit Käsekuchen, Schokotorte, einem Scone und ziemlich gutem Kaffee. Wieder kamen wir gleich ins Gespräch mit den Sitznachbarn, die Umgewöhnung wird mir in Trier wieder schwerfallen…

Belfast City Hall - Inside

Belfast City Hall – Inside

Unterwegs im Bus – Hop on Hop Off

Das Wetter war vorsichtig formuliert scheußlich, daher änderten wir unsere Pläne etwas und kauften Tickets für eine Rundtour mit dem Bus. Die Hop on-Hop off Busse haben den Vorteil, dass man nach Belieben an vielen Stationen aussteigen und eine halbe Stunde später wieder in den nächsten Bus einsteigen kann. In Belfast gibt es verschiedene Anbieter (ich glaube zwei), deren Routen sich kaum unterscheiden. Wir wählten eine Tour, die das Parlamentsgebäude in Stormont umfasste, ein pompöser Bau, den wir uns aber nur aus dem Bus heraus ansahen. Wie gesagt, das Wetter… Beim ersten Teil hatten wir einen durchaus unterhaltsamen Guide am Board, als wir später wieder einstiegen, kamen die Infos etwas dröger vom Band.

Belfast - Murals

Belfast – Murals

Düstere Street Art – Die Murals

Der Weg führte wenig später durch die Newtownards Road, wo uns die ersten sogenannten Murals begegneten, großflächige Wandmalereien, die vor allem durch ihre politischen Motive im Kontext der sog. Troubles Berühmtheit erlangten. Im Osten Belfasts befindet sich diese Straße in streng unionistischem Gebiet, was durch Fahnen und patriotische Malereien zweifelsfrei deutlich gemacht wird. Doch nicht alle Murals haben politische Inhalte, so gibt es hier bspw. auch ein eindrucksvolles Titanic Mural. Es geht um Identität, die sich im Stadtteil, der Stadt, der Arbeit oder aber politischen und religiösen Kontexten zeigt. Die Terminologie der Differenzen, die in jahrzehntelangen, blutigen Kämpfen ausgetragen wurden, ist komplex: Nationalists vs. Unionists, Republicans vs. Loyalists, Katholiken vs. Protestanten u.v.m.

Belfast – Bobby Sands Mural

Besonders eindrücklich zeigen sich die kaum verheilten Narben des Konflikts im Westen der Stadt, hier verließen wir dann den Bus. In der Falls Road, im republikanischen Teil der Stadt, sahen wir uns erst das berühmte Bobby Sands Mural an. Sands, ein IRA-Kämpfer, starb 1981 im Gefängnis an den Folgen eines Hungerstreiks. Von diesem Mural aus ist es nicht weit zu einer der sogenannten Peace Walls, riesigen Mauern, die die verfeindeten Stadtteile voneinander trennen sollten. Auch wenn die Mauern heute Touristenattraktionen sind, ist es ein deutliches, bedrückendes Zeichen, wie wenig Zeit erst seit den letzten großen Unruhen vergangen ist. Die Massen an Union Jacks an den Häusern entlang der Mauer zeigen deutlich, wie tief die Grenze hier noch verankert ist.

Belfast - Shankill Road

Belfast – Shankill Road

In mehrfacher Hinsicht eindrücklich ist der Weg entlang der Shankill Road, dem Zentrum des protestantisch-britischen Belfasts. Die Beflaggung ist omnipräsent und hier befinden sich einige der beeindruckendsten Murals. An vielen Stellen erinnern Gedenksteine an Opfer, die an eben jener Stelle IRA-Attentaten zum Opfer fielen. Und von diesen Gedenksteinen gibt es erschreckend viele. Wenn auch ein Kaffeebetreiber „All guests welcome“ auf seine Tafel vor dem Laden geschrieben hat, ist es kaum vorstellbar, dass dies auf die Pubs in diesem Gebiet zutrifft. Aber noch etwas anderes fällt auf. Der Westen Belfasts ist ein Gebiet, das beim aktuellen Aufschwung der Stadt irgendwie zu kurz gekommen zu sein scheint. Es gibt auffällig viele soziale Projekte, die sich um die Verlierer dieser Entwicklung kümmern, die Bausubstanz ist teilweise extrem marode. Es sind eben andere Bevölkerungsgruppen, die vom Tourismusboom profitieren als die, die bspw. nach dem Niedergang des Schiffbauwesens ihren Job verloren haben. Dazu passt, dass es in der Stadt sehr viele Obdachlose aus allen Altersgruppen gibt, Licht und Schatten liegen in Belfast sehr nah beieinander.

Titanic Quarter

Ein Grund für den immensen Aufschwung des Tourismus in Belfast ist sicherlich das gigantische Museum Titanic Belfast, in dem die Geschichte des in der Stadt gebauten Kreuzfahrtschiffes erlebbar gemacht wird. Nach dem bereits erwähnten Niedergang der Werften und der damit verbundenen Industrien wird nun versucht, dieses Gebiet durch den Tourismus aufzuwerten. Aber auch die neue Nutzung der alten Produktionsstätten wird vorangetrieben, wie sich an den riesigen Titanic Studios zeigt, in denen Kino-Blockbuster oder die Erfolgsserie Game of Thrones produziert werden.

Belfast - Titanic Studios

Belfast – Titanic Studios

Für den Besuch des Museums sollte man sich allein wegen den 18 Pfund Eintritt einige Stunden Zeit nehmen, was in unserem Zeitbudget leider nicht enthalten war. Wir waren daher nur kurz im völlig überfüllten Shop und machten dann kehrt in Richtung Titanic’s Dock and Pump House, also dem Ort, wo der berühmte Ozeanriese tatsächlich gebaut wurde. Der Weg vom Museum ist etwas mehr als einen Kilometer weit und führt an den Titanic Studios entlang durch ein wenig einladendes Gewerbegebiet mit vielen Baustellen. Einladend ist dies nicht wirklich, und als wir endlich den Eingang zum dazugehörigen Cafe gefunden hatten, fanden wir dies um kurz vor 17 Uhr verschlossen vor. Öffnungszeiten zum Abgewöhnen, vor allem in der Hochsaison, wo das Titanic Quarter noch voller Touristen ist. Sogar die Bimmelbahn rund ums Gelände stellt um halb fünf den Betrieb ein. Ach ja, der Hop on-Hop off Bus fuhr um diese Zeit nicht mehr.

Frustriert traten wir den Rückweg an und wurden von einem üblen Regenschauer mit starken Windböen erfasst, mit dem Ergebnis, bis auf die Knochen durchnässt zu sein. Die Hoffnung, im Titanic Quarter außerhalb des Museums ein Cafe oder einen Pub zu finden zerschlug sich schnell, alles war spätestens um 17 Uhr geschlossen und das Viertel wirkte von den Touris abgesehen wie ausgestorben. Hier sollte wirklich noch nachgebessert werden, wenn man den Status als großartigste Touristenattraktion der Welt ernsthaft verteidigen will. Am Ende landeten wir auf ein Bier im McHugh’s, um uns aufzuwärmen.

Belfast - Titanic Quarter

Belfast – Titanic Quarter

Fazit

Belfast ist trotz der eklatanten Defizite im touristischen Bereich eine pulsierende Stadt, die es sich zu entdecken lohnt. Die Menschen, denen man einen recht spröden Charme nachsagt, sind sehr freundlich, die Pubs sind richtig gut und die allgegenwärtige Geschichte ist bei allem sehr präsenten Leid und Schrecken wirklich beeindruckend. Selbst für etwas mehr als einen Tag bietet die Stadt viele Entdeckungsmöglichkeiten, etwas mehr Zeit wäre aber doch schön gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal. Nun geht es erst einmal weiter in die Natur und auf die Causeway Coastal Route!

Bislang veröffentlicht:

  1. Unterwegs auf der Causeway Coastal Route und dem Wild Atlantic Way
  2. Belfast– Boomtown mit Licht und Schatten
  3. Unterwegs auf der Causeway Coastal Route Tag 1 – Von Belfast nach Cushendall
  4. Unterwegs auf der Causeway Coastal Route Tag 2 – Von Cushendall zu den Dark Hedges
  5. Unterwegs auf der Causeway Coastal Route Tag 3 – Von Ballycastle  nach Portrush
  6. Unterwegs auf der Causeway Coastal Route Tag 4 – Von Portrush über den Giant’s Causeway nach Derry
  7. Derry – „Walled City“ mit dunkler Geschichte
  8. Unterwegs auf dem nördlichen Wild Atlantic Way – Von Derry nach Malin Head
  9. Unterwegs auf dem nördlichen Wild Atlantic Way – Von Malin Head nach Rathmullan

Ein paar Bilder

(Galerie liegt bei Flickr, daher anderes Layout)

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